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Mal wieder ein Gastbeitrag, mit einem Augenzwinkern, aber einem sehr wahren Kern, den sich so mancher Kurzfilmer zu Herzen nehmen
darf.
Vielen Dank auch diesmal an Lou_Ziffer, der von hier übersetzt hat.
Warum die meisten Kurzfilme nichts taugen
Dieser Ratgeber enthält nicht die üblichen Tipps, wie man sie in einem Studium übers Drehbuchschreiben oder Filme
machen bekommt. Aber bevor man einen Amateurfilm macht, sollte man darüber mal nachdenken:
Wenn du ein Genie bist, ignorier den Kram. Aber sieh den Tatsachen ins Gesicht: Wenn du denkst, du wärst ein Genie,
genau dann bist du es nicht. Also geh auf Nummer Sicher. Dann mußt du nicht lügen, wenn du gefragt wirst: „Was hast du dir dabei gedacht?“
Dolly/Zoom
Keine Frage: Das ist die ungeheuerlichste und mega-offensichtlich unkreativste uncoole totale Anfänger ROTE KARTE!
Klar, Hitchcock hat sie in „Vertigo“ benutzt (der Name des Films muß bisweilen als Synonym für den Effekt herhalten), Spielberg in „Der weiße Hai“, aber genug ist genug! Es ist ein Klischee,
abgenudelt und einfach durch und eine schlechte Idee. Ach ja, wir reden über eine Dolly-Zufahrt mit gleichzeitigem Zoom (bzw. umgekehrt), was den Hintergrund komprimiert und das zu filmende
Objekt bleibt in dieser Zeit in gleicher Größe zu sehen. (Es ist mittlerweile so ein Zeichen für einen Anfängerfilm geworden, daß es in „The Big Picture“ als Witz in der Anfangssequenz benutzt
wurde.)
Der „gequälte-Künstler-Film“
Die Geschichte geht so: Der sich quälende Künstler (Autor / Maler / Bildhauer / Musiker – in 90% aller Fälle ist es
aber ein Autor) ringt mit einem inneren Konflikt (ein toter Verwandter, Abgabetermin, religiöse Verwirrung, usw.) Unsere gebeutelte Seele begegnet einer „Muse“ (schöne Frau, väterlicher Mentor,
magisches Artefakt, usw.) die dem Protagonisten zu einer Art Erkenntnis verhelfen, welche dann sofort alle kreativen Blockaden wegsprengt und dem Helden zum Erfolg verhilft (Abgabetermin
geschafft, Bild zu Ende gemalt, was auch immer). Der gequälte-Künstler-Film beinhaltet normalerweise einen sogenannten „Mensch-gegen-sich selbst“-Konflikt, der den Zuschauer unter Garantie
innerhalb der ersten zwei Minuten in Tiefschlaf versetzt. Eng damit verbunden ist der „introspektive Schuss“, der üblicherweise den Helden etwa eine Minute zeigt, wie er ins Leere starrt – und
dabei eine Zigarette raucht. Bitte legt diese Idee im Fach „wertvoll wie Scheiße“ ab.
Traumsequenzen
Wenn du nicht willst, dass dein Film wie eine abgewichste „Kung Fu“-Episode aussieht, dann lass die Finger von
Traumsequenzen, Grünschnabel. Eine Traumsequenz im Film (oder im Drehbuch!) sagt immer, wirklich immer: „Mir ist nichts besseres eingefallen, um Informationen über meine Figur zu vermitteln.“ So
genannte „lustige“ Traum-Sequenzen sind es nicht.
Versetzte oder geschachtelte Montage
Wenn du sagen wir 15 Minuten hast, um zum Punkt in einem Kurzfilm zu kommen, dann solltest du jede einzelne Sekunde wie
Gold behandeln. Eine zeitversetzte Montage (Rücksprünge!) beweisen nicht nur deine Unfähigkeit, eine Geschichte strukturiert zu erzählen, sie läßt die Zuschauer unnötig warten. Finde einen
einfacheren und effizienteren Weg, ohne auf diese allzu offensichtliche Notlösung zurückzugreifen.
Schlechter Ton
Du kannst einen richtig netten Kurzfilm gemacht haben, aber wenn der Ton schlecht ist, reißt es den (möglicherweise
guten) Film richtig runter. Nichts kann einen Low budget-Film mehr ruinieren. Das Budget ist knapp, sicher. Leider widmen viele „Regisseure“ ihre Aufmerksamkeit lieber uninteressanten
Kleinigkeiten wie „welche Kamera?“, statt einmal auf den Ton zu achten. Das Resultat ist nur zu oft ein nett anzusehendes Filmchen mit einem furchtbaren Ton. In die selbe Richtung geht’s, wenn
man einen 16mm Film macht, und da ist die Tonspur von sich aus schon RICHTIG schlecht. Darauf sollte man vorbereitet sein.
Miese Musik
Hier eine Liste von entsetzlichen Ideen für den Soundtrack:
- Synthesizer (der Porno-Soundtrack)
- Die Band von deinem Kumpel (glaub mir, die sind echt scheiße)
- das langsam gespielte, „einsame Klavier“
- die „Flamenco-Gitarre“
- die „verschmitzte Klarinette“
- das „Cello-Trauerlied“
- die „vergeistigte“ oder „verspielte“ Piccoloflöte
Auffallend falsches Casting
- Das Publikum merkt sofort,
wenn Du deine bessere Hälfte für die Rolle der begehrten Frau besetzt.
- Versuch nicht jemanden, der nun wirklich grottenhäßlich ist (Im Original: „fugly“ = fucking ugly) als Supermodel zu
besetzen.
- Und umgekehrt: Warum werden Boygroupmitglieder als „Computernerds“ besetzt, die nie eine Frau
abkriegen?
- Falsch zusammengesetzte „Paare“: Ganz ehrlich: Würde SIE mit jemand wie IHM was anfangen? Du mußt ganz sicher sein,
daß die Antwort ein klares „Ja!“ ist. Die Zuschauer glauben das nicht so ohne weiteres ohne guten Grund.
- Lass deine Freunde nicht ältere Figuren spielen – Der Babypudertrick für graue Haare funkioniert nicht. Angeklebte
Bärte auch nicht.
„Augenbrauen“-Schauspiel
Es mag bei „Peter Steiner’s Theaterstadl“ funktionieren, aber fang damit nicht im Film an. Gemeint ist ein übermäßiger
Einsatz der Gesichtsmuskeln, mehr wie ein Pantomime. Diese Schauspieltechnik ist nur akzeptabel, wenn die Hauptfiguren in den ersten zwei Minuten Sex haben.
Der „Nichts-passiert“-Film
Sehr gebräuchlich bei Anfängern, Filmgruppen, Studenten und um sich in Foren wichtig zu machen. Enthält eine Figur, die
ihre Zeit damit verbringt, mit anderen Leuten über Sachen zu reden, die keinerlei Konsequenzen bewirken oder enthalten. Es passiert nichts, das aber bis zu 45 Minuten. Am Ende kommt ein auf der
Nudelsuppe dahergeschwommener (=unmotiviert und erfundener) „Höhepunkt“ aus dem Nichts und damit wird versucht, alles aufzulösen. Da es aber vorher keinen irgendwie gearteten Konflikt gab, ist
der Zuschauer schon längst eingeschlafen und verpasst das Ende.
Die üblichen Handlungsabrisse zu diesen Filmen lauten etwa so: „Die persönliche Entdeckung/Erleuchtung im Inneren des
Hauptdarstellers“ oder „Die warmen Erinnerungen an meine Kindheit, die keine Sau interessiert“ oder auch „Ein Stück Leben, das uninteressanter als das echte Leben ist“ und auch „Lustige Leute,
die ich kenne und die ich jetzt auf den Bildschirm bringe“,
Nahezu in der Hälfte dieser Filme kommt ein Elternteil vor, das Alkoholiker ist.
Das Feature, das sich als Kurzfilm tarnt
Im Publikum kann man oft sehen, daß die Filme, die am besten ankommen, die kürzeren sind. Man könnte argumentieren, daß
die Filme eben alle Mist sind und kürzerer Mist ist besser als längerer Mist! Es könnte aber auch sein, daß das Publikum schon in einigen Kurzfilmen gesessen hat und es zu schätzen weiß, wenns
zügig zur Sache geht. Im erzählerischen Kurzfilm ist jeder Moment kostbar. Es ist zu deinem Vorteil, wenn du deinen Film kürzer und interessanter und knapper machst und eben so gut durchdenkst,
wie nur möglich.
Frag dich beim schreiben (und schneiden): Ist diese Szene notwendig? Ist dieser Moment wichtig? Was macht das mit dem
Zuschauer? Man nennt das das „Spät-rein-früh-raus-Prinzip“. Bei Soaps sieht man sehr schön, was gemeint ist). Mach rein, was rein muß und dann nix wie weg. Länger ist nicht notwendigerweise
besser. Weniger ist mehr.
„Schau mal, ich bin Regisseur“-Einstellungen
Nehmen wir z.B. die „Fischkugel-im-Vordergrund“-Einstellung, die
„überkopf-ohne-Grund-nur-weil-wir-auf-einer-Bühne-sind“-Einstellung oder die „was-für-eine-coole-verkantete-Kamera“-Einstellung, und nicht zu vergessen die geschmackloseste Idee überhaupt, die
„Kühlschrank-von-innen“-Einstellung, auch „Stell-die-Kamera-in-den-Briefkasten/Mülleimer/Motorraum“-Einstellung. Sei gewarnt, das ist meistens totaler Käse.
Laaaangsame Dialoge
Ein Filmdozent sagte mal, eine Sekunde „Echtzeit“ entspricht drei Sekunden „Filmzeit“. Muß man mal drüber nachdenken.
Schaut mal, wie oft lange Pausen zwischen den Dialogen in vielen Anfängerfilmen sind. Warum? Wenn man „normale“ Filme schaut, kommt einem der Dialog bisweilen superschnell vor. Liegt vielleicht
daran, daß man schneller hören kann, als Leute normalerweise sprechen. Wer weiß? Aber nebenbei gesagt: Diese Pausen enthüllen auch schlechte Dialogzeilen. Eine schlecht geschriebene Dialogzeile
hängt in der Luft wie ein Furz, wenn sie nicht schnell von einer flotten Zeile weggewischt wird wie eine Frühlingsbrise...
Der „Ein-Witz-Film“
Ein guter Kurzfilm sollte eine Ansammlung von guten Ideen sein und nicht eine einzige Idee ausgewalzt über zehn
Minuten. Egal was du machst, versuch die Zeit mit Sachen zu füllen, die andere Leute als dich selber interessieren könnten. Keine Ahnung, wieviele Filme ich gesehen habe, die über das langweilige
Leben des Filmemachers selbst gehen. Bevor du loslegst, mach dir eine Liste von „guten Ideen“ in deinem Drehbuch. Davon sollte eine Menge auf der Liste stehen.
Die „lauf-in-die-Kamera“-Überblende
Das ist wirklich dämlich. Ein Darsteller läuft IN die Kamera. Dann ins Schwarz abblenden, dann läuft jemand AUS der
Kamera raus.... was für eine tolle Idee, das ist ja völlig ausgefallen, das hat man ja noch nie gesehen....
Der „schrullige-Faulpelz-mit-ner-Kanone“-Film
Du bist nicht Quentin Tarantino. Versuch nicht, es zu sein.
Exzessive Video-Effekte
Blenden nur sehr sparsam einsetzen. Sie sind nicht mit dem harten Schnitt gleichzusetzen. Das gilt übrigens auch für
Wischer oder sonstige Trickblenden. Die 80er sind vorbei. Videoeffekte sind vorbei.
Die „dramatische Zigarette“
Eine Figur hat eine dramaturgische Krise. Was macht er? Zündet sich eine an und pafft dramatisch in die Luft, als wolle
er sagen: „Schaut her, das ist so ERNST, daß ich rauche!“ Ja, Leute rauchen, wenn sie nervös, aufgeregt oder unter Druck sind. Aber das ist keine Entschuldigung für die lange und langweilige
Rauchszene, die aus Faulheit entstanden ist, weil dem Autor keine originelle Weise eingefallen ist, die Szene aufzulösen.
Die „Suche nach der Wahrheit!“
Von diesem Thema gibt es einige Varianten:
1. Der verwirrte Wissenschaftler. Die „Geschichte“ handelt von einem verwirrten, zurückgezogenem Wissenschaftler, der
etwas tolles entdeckt (Suche nach Gott, der freie Wille, Moral, u.ä. ). Das wird dann in hochwissenschaftlichem aber aufgesetzt wirkendem Gelaber mit vielen, vielen Worten erklärt. Solche Filme
wirken herablassend und : Man sollte wenigstens minimal recherchieren, bevor man sich lächerlich mit sowas macht.
2. Der „befreiende Film“
Schluß mit der Freundin? Bitte mach KEINEN Film darüber. Die Selbstbespiegelung „warum sie mich verlassen hat“ die zu
einer Hassrede über die Natur, die Liebe, die Natur des Menschen usw. führt ist selten erhellend und üblicherweise so interessant wie einem Freund zuzuhören, das sich über seine schlecht laufende
Beziehung auslässt. Kurz gesagt: Philosophische Exkurse über die menschliche Existenz, die auf einer abstrakten Ebene behandelt werden, sind eine absolute Garantie dafür, den Zuschauer zu
langweilen oder zu verwirren.
„In-den-Spiegel“-Einstellungen
Nicht falsch verstehen, in einen Spiegel zu schießen kann ein toller Effekt zur richtigen Zeit und aus den richtigen
Gründen sein. Aber wie viele dramaturgische Kniffe, die von Amateuren aus den falschen Gründen und zur falschen Zeit verbraten wurden, ist auch diese Einstellung mittlerweile auf dem „Lieber
nicht“-Stapel gelandet.
„Boah! Super. Sie legt ihre rechte Hand auf den Spiegel und dann sehen wir ihren Freund hinter ihr rufen und das alles
in einer einzigen Einstellung! Ich bin genial!“ .hcan lamhcon kneD. nieN.
Endlos lange Abspänne...
Jaja. Wir wissen, du mußt eine Menge Leute danken aber bitte bedenke die armen Zuschauer, die sich z.B. auf einem
Festival durch zehn Filme dieser Art sitzen müssen. Ich habe Abspänne gesehen, die länger waren als der Film selbst...
Hier ein paar Tipps:
1. Titel schnell rollen lassen. Nein, noch schneller!
2. Kleine Schriftarten
3. Titelseiten sind schnell, aber nicht jedes Crewmitglied braucht ne eigene...
4. Muss jedem einzelnen aus dem Familienstammbaum gedankt werden?
Und hier noch ein Geheimtipp:
Mach zwei Versionen – einen kurzen für die armen unbeteiligten Zuschauer. Und einen langen (eine Art „Director's cut“),
für alle die wundervollen Menschen, die an dem Film mitgewirkt haben und denen du selbstverständlich eine Kopie aushändigst.
Szene 1: INNEN / TAG Protagonist wacht auf
Es ist nicht von vornherein falsch, wenn ein Film damit beginnt, wie der Wecker klingelt, eine Hand auf den Wecker
knallt, die Augenlider flattern, ein Gähnen und „Oh du liebe Zeit, schon so spät?“ Aber..... warum denn schon wieder? Das sehen wir andauernd. Oder liegt das daran, daß der Autor morgens
aufwacht, sich umsieht und sagt: „Hey! Das ist ja toll!“. Hmmnöööö, ist es nicht. Schlaf weiter.
Warum sind nicht Zooms allgemein in dieser Liste?
In Filmschulen hört man häufig die ästhetische Anweisung: „Keine Zooms benutzen!“ Das ist natürlich Schwachsinn. Zooms
bergen einige Gefahren, aber man kann sie schon einsetzen. Das kann cooler sein, als die in der Filmschule je begreifen werden.